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Rassestandard – Einfach erklärt

Rassestandard – Einfach erklärt

Der Rassestandard für Hunde wirft immer wieder viele Fragen auf: Wie wichtig sind die einzelnen Kriterien? Werden Zuchtziel und Gesundheit der Hunde dabei zu kontrovers behandelt? Und was ist mit jenen Hunden, die den Standards nicht entsprechen? Die Richtlinien dazu werden international von einer Kommission definiert, regelmäßig überarbeitet und bei Bedarf neu angepasst. So kommt es, dass ständig neue Rassen standardisiert werden und der Pool an offiziellen Hunderassen immens gewachsen ist. Was nun aber den typischen Rassestandard ausmacht, welche Details er beschreibt und für wen er gilt – darüber klärt der folgende Beitrag auf.

Der Rassestandard bei Hunden

Kurz erklärt, beschreibt der Rassestandard, oder auch Zuchtstandard genannt, fest definierte körperliche und charakterisiere Merkmale des typischen Vertreters einer Hunderasse. In erster Linie wird dazu der Phänotyp betrachtet, im weiteren Sinne auch der Genotyp. Oder einfach ausgedrückt: physiologische Eigenschaften sowie Verhaltensmerkmale, die sich vererben lassen und durch Umweltfaktoren beeinflusst werden können.

Beispielsweise tauchen im Rassestandard besondere Attribute wie „stark ausgeprägter Hüteinstinkt“ auf, aber keinerlei individuelle Ausprägungen, wie etwa „klaut gerne Essen vom Teller“.

Für Züchter sind die Standards allerdings essentiell, denn sie geben das Zuchtziel vor, sprich wie der ideale Rassehund zu sein hat und welche Merkmale zu priorisieren sind. An Hand dessen wählt der Züchter die vielversprechendsten Exemplare seines Rudels aus, um mit ihnen zu züchten beziehungsweise eben jene Attribute weiter vererben zu lassen.

Staffordshire Terrier
Foto: Olga Kuzyk – Shutterstock / Staffordshire Terrier

Das Ergebnis sind die allseits bekannten Rassehunde. Gezüchtet aus einschlägigen Linien, mit überwiegend gleichen Eigenschaften, ganz gleich wo auf der Welt sie gezogen wurden.

Parallel entstehen durch besonders einseitige Rassestandards vermehrt Zuchtprobleme, wie etwa rassespezifische Krankheiten, ein Mangel an frischen Blutlinien und sogar Hunderassen, die zwar „modern“ und „extravagant“ sind, aber nicht unbedingt alltagstauglich.

Die Rassestandards stehen daher immer wieder in der Kritik, den Profit der Züchter der Gesundheit der Hunde zu bevorzugen. Das System als solches ist jedoch sehr komplex und sollte nicht auf einzelne Fälle herunter gebrochen werden. Im Großen und Ganzen betrachtet, sichert der Rassestandard klare Strukturen für die Hundezucht und das Überleben spezialisierter Hunderassen.

Wer legt die Standards für Hunderassen fest?

Generell gelten Rassestandards ausschließlich für domestizierte Tiere, wie etwa Hauspferde, Rassegeflügel und Zierfische. Speziell für Haushunde ist eine Kommission diverser Zuchtverbände verantwortlich, welche unter den Kürzel FCI zusammen gefasst wird.

Weimaraner
Foto: Nejron Photo – Shutterstock / Weimaraner

Die Rede ist von der Fédération Cynologique Internationale, quasi ein Dachverband, gegründet 1911, um die Belange der Rassehunde-Zucht zu unterstützen. Die Kommission bekennt sich als „Weltorganisation der Kynologie“ (Lehre von Zucht, Dressur und Krankheiten der Hunde). Sie setzt sich aus den drei Sektionen Europa, Amerika/Karibik und Asien/Afrika/Ozeanien zusammen, wobei pro Land jeweils nur ein Verband beteiligt sein darf.

Zu den Schwerpunkten der FCI gehören unter anderem Arbeits- und Jagdprüfungen, Wettbewerbe, Schönheitshows, Hunderennen sowie Coursings für Hütehunde. Nicht zuletzt wird hier aber auch die Systematik der Haushunde aufbereitet.

Wie funktioniert der Rassestandard?

Übergeordnet beschreibt eigentlich die Wissenschaft die Systematik, sprich dass der Haushund zur Art „Wolf“ gehört, damit wiederum zur Gattung „Wolfs- und Schakalartige“, somit zur Familie „Hund“ (Canidae), ergo zu den „Hundeartigen“, folglich ein Raubtier ist und ganz allgemein ein Säugetier.

Die FCI beschäftigt sich im Grunde genommen mit dem untergeordnetesten Teil der Systematik – der Untergliederung des Haushundes in einzelne Rassen. Ein Gebiet, dem sich die biologische Wissenschaft nicht im Detail widmet.

Französische Bulldogge
Foto: Svetography – Shutterstock / Französische Bulldogge

Einteilung durch die FCI

Die aktuelle FCI Liste umfasst 347 Standards, denen jeweils eine Nummer zugeteilt wird. Im Zuge der regelmäßigen Überarbeitungen wurden einige Nummer bereits gestrichen, wie etwa der Harlekinpinscher (Nummer 210) und die Steinbracke (Nummer 280), wodurch die Liste derzeit bei Nummer 361 endet.

Die Nummerierung dient jedoch lediglich der bloßen Kennung aller Rassen. Eingeteilt werden die Hunderassen zunächst in 10 Gruppen:

Jeder Gruppe sind weitere Klassifizierungen zugeordnet, sogenannte Sektionen. Beispielsweise gliedern sich die Vorstehhunde in die Sektionen „kontinentale Vorstehhunde“ und „britische und irische Vorstehhunde“. Diese Sektionen sind wiederum in Typen unterteilt. So ist der Typ „Spaniel“ ein Vertreter der kontinentalen Vorstehhunde, der „Setter“ gehört zur Sektion der britischen und irischen Vorstehhunden, und so weiter.

Dadurch bekommt jede Hunderasse eine genaue Zuordnung. Züchter weltweit können folglich die gleichen Standards anstreben und bewusst direkt miteinander konkurrieren. Auffällig dabei ist die Priorität des Profits. Eine Organisation, basierend auf Zuchtverbänden, fokussiert natürlich in erster Linie die eigenen Interessen. Der Hund als Arbeitstier, als Show-Objekt als Statussymbol. Verifiziert wird nach:

Ursprung: Benannt wird das Herkunftsland, zum Teil die exakte Region sowie die Geschichte der Rasse.
Körperbau: Die Widerristhöhe und Gewichtsangaben werden in Mindest- bis Maximalmaß jeweils für Rüden und Hündinnen angeben, bei Dachshunden (Teckel) ist der Brustkorbumfang meist ausschlaggebender. Außerdem werden hervorstechende Merkmale genauer beschrieben, beispielsweise eine leistungsstarke Hinterhand, Trageweise der Rute, Hals- und Nackenpartie sowie exakte Angaben zu einzelnen Körperpartien.
Fell: Felllänge und die zulässigen Farben sind ebenfalls Teil des Standards. Unerwünschte Färbungen können sogar Ausschlusskriterium zur Zucht sein.
Allgemeine Erscheinung: Dazu zählt zum Beispiel das Laufbild, die Kopfhaltung, ob die Ohren eher hängen oder stehen, und so weiter.
Charakter: Wesenszüge werden spezifisch beschrieben. Die Attribute reichen von sanftmütig und anhänglich bis hin zu hoher Schärfe und Wachsamkeit, von aktiv und jagdfreudig bis hin zu leistungsbereit und gehörig. Das Temperament gilt als Soll-Wert, sprich der Hund soll beispielsweise ausgeglichen, unerschrocken oder agil sein.
Verwendung: Nicht aus den Merkmalen ergeben sich die Einsatzmöglichkeiten, sondern die Verwendung beziehungsweise der Zuchtzweck dient der Anforderung an die Merkmale. Ein Jagdhund muss demnach andere Attribute mitbringen als ein Hütehund.
Fehler: Abweichungen vom Standard sind ebenfalls definiert und in Grade eingeteilt. Je deutlicher die Abweichung, desto höher der Grad, desto geringer fällt die Bewertung des Hundes für den Rassestandard aus – und umso niedriger ist sein Marktwert. Fehler sind unter anderem Erkrankungen, Senkrücken, Faßbeinigkeit oder auch eine schwache Lendengegend.

Die FCI legt außerdem fest, ob eine Arbeitsprüfung erfolgen muss. Diese nimmt ein speziell ausgebildeter Richter ab.

Stellenwert der Arbeitsprüfung für den Hunde-Rassestandard

Die Arbeitsprüfungen des FCI finden in erster Linie für Gebrauchshunde statt. Nicht selten spalten sich Zuchtziele in Arbeitsrasse und Familienhund. Die einen werden auf Leistungsfähigkeit getrimmt, die anderen auf Ausgeglichenheit. Schließlich soll der typische „beste Freund des Menschen“ exakt den Wünschen der Zweibeiner entsprechen.

Rassen, die als Familienhunde deklariert werden, müssen möglichst freundlich, aufgeschlossen und ruhig sein. Ihr Temperament darf nicht zur Last werden.

Anders verhält es sich eben mit den Arbeitsrassen beziehungsweise Gebrauchshunden. Langjährige Leistungsbereitschaft, Gehörigkeit und überragende Intelligenz sind gefragt. Da die Einsatzgebiete teils extrem hohe Anforderungen an die Tiere stellen, wie etwa die Arbeit mit Behinderten oder als Lawinenspürhund, sind die Arbeitsprüfungen seitens der FCI entsprechend spezifisch gestaltet.

Wer als Rassehund gelten will, muss sich einer solchen Prüfung unterziehen – oder besser gesagt wird dieser unterzogen. Züchter und Hundehalter stellen sich den Komitees, um den Wert ihres Hundes dadurch offiziell bestätigen zu lassen. Ein Zuchthund mit bestandener Arbeitsprüfung ist deutlich mehr Wert.

Die Arbeitsprüfungen werden in Anlehnung an die FCI-Gruppen wie folgt unterteilt:

  • Gebrauchshundeprüfung
  • Fährtenhundeprüfung
  • Rettungshundeprüfung
  • Jagdprüfung, unter anderem für Erdhunde, Dachshunde, Foxterrrier
  • Herdings Tests und Coursings für Herdengebrauchsshunde, wobei Border Collie meist eigens geprüft werden
  • Leistungsprüfungen für Schlittenhunde, Laufhunde sowie für Vorstehhunde, Stöberhunde und Apportierhunde

Um die Prüfungen zu bestehen, müssen die Hunde ganz gezielt Aufgaben bewältigen und in den simulierten Situationen das richtige Verhalten zeigen, wie zum Beispiel „Schussfest“ sein oder auf Befehl warten, auch wenn Fremde versuchen, sie abzulenken. Ein FCI-geschulter Richter nimmt die Prüfung ab und erteilt bei Bestehen eine Bescheinigung.

Züchter und Zuchtverbände nehmen derartige Angebote häufig wahr, um den Bekanntheitsgrad ihrer Zuchtlinie zu vermarkten. Reinrassige, preisgekrönte Deckrüden erzielen schließlich ein Vielfaches an Umsatz im Gegensatz zum ungeprüften Mischlingsrüden.

Lakeland Terrier
Foto: Radomir Rezny – Shutterstock / Lakeland Terrier

Der Rassestandard in der Kritik

Es überrascht im Grunde genommen nicht, dass durch die einschlägigen Züchtungen, verbunden mit standardisierten Musterrassen und Prüfungen, unweigerlich Probleme auftreten. Der Hund als artgerechtes Wesen hat die Domestizierung in einem Maß erreicht, das zum Teil an Missbrauch grenzt und nicht zuletzt deswegen stark kritisiert wird.

Krankheiten, Fehlbildungen, Gendefekte – all das wird zum Teil in Kauf genommen, um die Hunde besser zu verkaufen.

Der Trend der Rassehunde ist dennoch ungebrochen. Während der Großteil der Käufer tatsächlich an langjährig einsatzfähigen Arbeitshunden interessiert ist, zahlen vermehrt Kunden für besonders „modern“ aussehende Rassen, die jedoch weder robust noch leistungsfähig sind – am Beispiel der nach Wolf aussehenden Hunderassen, noch nicht einmal ausreichend sozialisiert. Doch auch andere Zuchtmaßnahmen widersprechen dem Tierschutz und manchmal sogar dem gesunden Menschenverstand.

Was ist eine Qualzucht?

Kupierte Ruten und Ohren, verkürzte Nasen und Atemwege, tiefer gestellte Hüften: Hauptsache es sieht chic aus, sportlich oder wenigstens extravagant. Der Hund als Statussymbol muss so manche Schönheitskorrektur über sich ergehen lassen, die nicht immer im Einklang mit einer gesunden Entwicklung zu verstehen ist.

Der bekannteste Vertreter von Qualzuchten ist der Mops. Einst mit deutlich erkennbarer Schnauze und durchaus länglichem Kopf, sieht er mittlerweile aus, wie ein im wahrsten Sinne des Wortes gegen die Wand gelaufenes Zuchtprojekt. Die extreme Kurzköpfigkeit (Brachyzephalie) scheint auf viele Menschen „niedlich“ zu wirken. Für den Hund bedeutet sie jedoch erhebliche Einschränkungen der Lebensqualität. Während die Artgenossen stundenlang über die Wiese tollen, sind Mops, Französische Bulldogge, King Charles Spaniel und Co. nach fünf Minuten platt. Kurzatmigkeit, mangelhaftes Riechvermögen, Zahnfehlstellungen und vieles mehr resultieren aus derartigen Überzüchtungen. Hunde sind obligatorische Nasenatmer – bei starken Verwucherungen der Nasenmuscheln sind Folgeerkrankungen nicht auszuschließen und mitunter können sie lebensbedrohlich werden.

Weitere Zucht-Trends mit Gesundheitseinschränkungen sind zum Beispiel:
Das Blue-Dog-Syndrom: Die blaugraue Fellfärbung sieht zwar spannend aus, geht allerdings mit Haarausfall, Hautentzündungen bis hin zu Ödemen, Fehlbildungen der Nebenniere und Immunkomplexstörungen einher.
Die Stummelschwänzigkeit: Auch als Verkrüppelung der Schwanzwirbelsäule beschrieben, Knickschwanz oder Korkenschwanz. Es handelt sich nicht um nachträglich kupierte Ruten, sondern um angezüchtete Missbildungen. Das Rückenmark kann beeinträchtigt sein, es kann zu Harn- und Kot-Inkontinenz kommen und vor allem zu starken Schmerzen.
Der Zwergwuchs: Kurze Beine, großer Kopf = Kindchenschema = niedlich = Qualzucht? Stoffwechsel- und Hormonstörungen werden bewusst weiter vererbt, um das niedliche Aussehen zu züchten. Die Hunde erleiden mitunter Fehlbildungen der Bandscheiben, Lähmungen, Komplikationen der Darmfunktion und damit verbunden starke Schmerzen.
Die Nackthunderassen: Der Gendefekt hat sich ebenfalls als Trend etabliert. Für die Hunde bedeutet er teils schwerwiegende Gebissanomalien, Überempfindlichkeit der Haut, Klimaintoleranzen und Immundefizienz.

Daneben existieren noch erschreckend viele andere Fehlzüchtungen. Nicht alle Hunde erkranken unweigerlich an den Folgen, die Zahl der Erkrankungen wächst jedoch mit jeder weiter gezüchteten Generation. Anstatt die Fehlbildungen von der Zucht auszuschließen, haben sich die „Underdogs“ als Trendobjekte bewiesen, die eine Menge Aufmerksamkeit und Geld einbringen. Und sei es als „der hässlichste Hund der Welt“.

Die immer öffentlicher werdende Kritik an derartigen Rassestandards, beispielsweise durch Dokumentarfilme, medienwirksame Beiträge und Forschungsprojekte der Veterinärmedizin sowie der Kynologie selbst, scheinen die Zuchtverbände wach zu rütteln und sie zumindest teilweise zur Überarbeitung ihrer Kriterien zu zwingen.

Hauptsächlich müssen jedoch die Hundekäufer und Interessenten das Ausmaß der Qualzuchten in Verbindung mit Rassestandards begreifen lernen. Denn wie so oft gilt auch hier: Die Nachfrage bestimmt das Angebot.

Vorschriften durch den Tierschutz

Um anerkannte Züchter und illegale Qualzuchten zu differenzieren, ist nicht nur eine regelmäßige Überarbeitung der Standards nötig. Auch der Tierschutz schaltet sich unentwegt ein, um die Gesundheit der Hunde wieder in den Fokus zu rücken.

So ist beispielsweise in Deutschland seit 1987 das Kupieren der Ohren verboten, seit 1998 auch das Kupieren der Rute. Allerdings gilt noch kein Importverbot von kupierten Hunden, wie es in etwa in der Schweiz bereits durchgesetzt wird. Der Verband für das Deutsche Hundewesen reagierte 2002 zusätzlich mit einem Ausstellungsverbot kupierter Teilnehmer. In Österreich werden betroffene Hunde zudem nicht zur Arbeitsprüfung zugelassen.

Darüber hinaus verlangen Tierschutzorganisationen mehr Weitsichtigkeit bei der Zucht. Peta rief jüngst auf: „Stoppt den Rassenwahn!“ in Hinblick auf überfüllte Tierheime, in denen aus der Mode geratene Hunderassen zu Massen landen. Man bedenke nur die überdeutlich angestiegenen Züchtungen nach Filmhits wie „101 Dalmatiner“ oder „Ein Hund namens Beethoven“. Einzelne Hunderassen würden zu Wegwerfware mutieren, fernab jeder nachhaltigen Verantwortung für das Wohl der Tiere.

Durch Tierschutzgesetze und landesspezifische Erlasse kann der Tierschutz den Zuchtverbänden zumindest ein paar rechtliche Grenzen in Bezug auf den Rassestandard auferlegen und den Käufern klare Entscheidungen vorgeben. Damit ist schon Einiges erreicht, wenngleich noch lange nicht genug.


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